Interview mit Rüdiger Böhm / Trainer U21

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Interview mit Rüdiger Böhm / Trainer U21

Beitragvon Judihui » 31.07.2010, 12:13

Mattäng und ich haben diese Woche den neuen U21-Trainer Rüdiger Böhm zu einem ausführlichen Gespräch getroffen.

Die U21 beginnt ihre neue Saison in der 1. Liga am Sonntag, den 8. August mit dem Auswärtsspiel gegen Bümpliz.




Weshalb kommt ein erfolgreicher Nachwuchstrainer von einem Bundesligaverein zu einem kleinen Fussballclub in der Schweiz? Ist das nicht ein Rückschritt?


Rüdiger Böhm: Ich sehe das nicht so. Der Eindruck kommt vielleicht daher, weil der FC Thun sein Licht etwas unter den Scheffel stellt.

Ich bin jetzt 40 Jahre alt geworden und stand vor der Entscheidung, ob ich bis zuletzt Nachwuchstrainer in Deutschland bleiben möchte, verbunden mit der Hoffnung, dass irgendwann jemand kommt und mir eine Stelle als Trainer anbietet. Oder aber ich mache jetzt den Schritt und gehe ins Ausland in den Seniorenbereich mit einem Team, welches sehr gut funktioniert. Das hier ist eine Chance.


Seniorenbereich? Wir sprechen von der U21. Bei uns läuft das unter „Nachwuchs“.


Rüdiger Böhm: U21 ist Seniorenbereich. In der Schweiz ist alles bis zur U18 und in Deutschland bis zur U19 Juniorenbereich, wo man gegen Gleichaltrige spielt. Danach kommt der Seniorenbereich. Die U21 misst sich mit normalen Seniorenmannschaften. In diesem Augenblick ist ein Spieler kein Nachwuchs mehr. Natürlich hat man es mit jungen Spielern zu tun. Aber es ist ein anderes Training. Man versucht, den Spielern den letzten Schliff zu erteilen, ihnen zu zeigen, was ihnen noch fehlt, um Profi zu werden.


Und diese Chance hat es in Deutschland nicht gegeben?


Rüdiger Böhm: Die Chance hat es beim KSC nicht gegeben. Man sagte mir, dass man sehr zufrieden sei mit meiner Arbeit und man es gerne sähe, wenn ich weiter machen würde. Aber es war klar, dass es niemals die erste Mannschaft sein würde. Denn ich komme aus dem eigenen Stall und bin seit zehn Jahren da. Wenn man so lange bei einem Verein ist, dann ist alles besser, was von aussen kommt.


Und sonst in Deutschland?


Rüdiger Böhm: Es gab zwei, drei Angebote aus Deutschland. Für mich war aber das Umfeld hier ausschlaggebend: die Gegend mit den Bergen und die Menschen, mit denen ich hier zu tun habe. Das ist für mich wichtig. Ich habe die Leute hier kennen gelernt, als ich mit der U17 des KSC in Thun im Trainingslager war. Und schon da habe ich gemerkt, dass die Struktur des FC Thun jener des KSC sehr ähnlich ist. Es geht um regionale Verbundenheit, um die Förderung regionaler Spieler. Und es ist ein familiärer Umgang miteinander. Ich bin kein Trainer, der in einem anonymen Umfeld arbeiten kann. Deshalb passt es für mich.


Und wie haben Sie sich eingelebt?


Rüdiger Böhm: Sehr gut. Die Fussballsprache ist überall gleich. Es dauert zwei, drei Tage. Dann ist man im Training in seinem Team integriert. Das funktioniert wunderbar. Die Leute im Umfeld haben es mir auch sehr leicht gemacht.


Gibt es kulturelle Unterschiede?


Rüdiger Böhm: Unterschiede möchte ich nicht sagen. Vielleicht sind es gewisse Besonderheiten, die hier etwas anders laufen als in Karlruhe.


Muss man sich als neuer Trainer diesen Besonderheiten anpassen oder sie einfach zur Kenntnis nehmen?


Rüdiger Böhm: Nein, ich glaube ich bin auch deshalb geholt worden, weil man sich erhofft, dass ich gerade nicht derjenige bin, der sich anpasst, sondern dass ich versuche, die Spieler an mich anzupassen.


Gibt es bezüglich der Professionalität einen Unterschied? Aus unserer Sicht stehen die deutschen Vereine immer als hoch professionell, sehr organisiert da. Dagegen herrscht in der Schweiz oftmals das Image des Handgestrickten vor.


Rüdiger Böhm: Es ist mit Sicherheit auch in Deutschland nicht alles Gold was glänzt. Es wird da auch nur mit Wasser gekocht – wie überall. Der Fussball ist weder in Deutschland noch in der Schweiz erfunden worden. Es gibt in jedem System Vor- und Nachteile. Ich komme mit Darmstadt auch aus einem Verein, der mit wenig Geld und sehr viel Enthusiasmus funktioniert. Das ist hier genauso. Es gibt in Deutschland sicher Vereine, wo alles super durchgestylt und organisiert ist. Ob das in letzter Konsequenz mehr Lizenzspieler produziert, ist noch zu klären. Ich muss deshalb immer lächeln, wenn mir jemand sagt „ Ja, hier in der Schweiz ist alles so klein.“. Sicher ist es etwas kleiner. Das ist aber nichts Negatives. Ein Beispiel: Wir mussten mit der A-Jugend zu Spielen jeweils einen Tag vorher reisen und übernachten, weil es einfach zu weit war. Das muss man in der Schweiz nicht. Damit spart man viel Geld. Trotzdem wird die Mannschaft hier genauso professionell auf ein Spiel vorbereitet wie in Deutschland. Nur das „laisser faire“ ist mir bei den Jungs hier aufgefallen. Das ist in Deutschland etwas anders.


Wie begegnet man dem als Trainer?


Rüdiger Böhm: Man muss ihnen immer wieder die Möglichkeit geben, das auszuleben. Das ist ihr Naturell. Es sind meistens sehr gute Fussballer, die Fussballspielen und nicht Fussballarbeiten wollen. Aber man muss ihnen immer wieder deutlich machen, dass es Dinge gibt, die man sich einfach erarbeiten muss.


Viele der Spieler stammen aus eingewanderten Familien. War das in Karlsruhe auch so?


Rüdiger Böhm: Ja. Nur waren es dort mehr Familien aus Jugoslawien und der Türkei. Ich mag diesen Menschenschlag. Man kann die Spieler richtig packen. Sie sind mir lieber als einer, der zu allem Ja und Amen sagt.


Ein Risiko bei Ihrem Engagement ist, dass die U21 nur eine provisorische Bewilligung für ein Jahr hat. Dann weiss man noch nicht, ob es sie weiterhin geben wird.


Rüdiger Böhm: Ich bin über diese Entwicklung orientiert, habe dennoch einen Dreijahresvertrag unterschrieben. Wenn es nächstes Jahr die U21 nicht geben wird – wovon ich nicht ausgehe – dann wird es eine zweite Mannschaft geben. Und wie diese heisst, ist für meine Arbeit völlig egal. Ich arbeite mit den gleichen Spielern und der gleichen Konzeption. Denn ein Cheftrainer braucht einen eigenen Nachwuchs – gerade auch der FC Thun, der finanziell nicht auf Rosen gebettet ist. Es muss ein Gefäss geben, wo die Spieler weiter ausgebildet werden. Wie dieses Gefäss heisst, ist völlig zweitrangig.


Sorgt das für Unruhe in der Mannschaft?


Rüdiger Böhm: Nein. Es ist eher ein Ansporn, den Leuten aussen zu zeigen, dass wir eine berechtigte U21 sind. Das hat man auch im Spiel gegen YB gesehen. Wir haben mit 2:0 gewonnen.

Würde diese neue Mannschaft weiterhin in der 1. Liga spielen können? Oder müsste sie wieder unten anfangen?


Rüdiger Böhm: Dazu kann ich derzeit keine Auskunft geben, aber ich bin mir sicher, dass wir nicht ganz unten beginnen müssten. Das würde gegen alle Prinzipien der Talentförderung stehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine solche Entscheidung fallen würde.


Wie ist die Zusammenarbeit mit Murat Yakin?


Rüdiger Böhm: Es ist eine sehr gute Zusammenarbeit. Wir sitzen im Büro nebeneinander. Es gibt immer konstruktive Diskussionen auch betreffend der Abstellung der Spieler. Murat stellt der U21 lieber einen Spieler zuviel ab als zu wenig. Das ist ein Vorteil gegenüber Deutschland. Da muss man immer schauen, dass man die Spieler auch wirklich bekommt. Wenn Murat sieht, dass bei einem Spieler die Chance gering ist, dass er im nächsten Spiel in der ersten Mannschaft spielt oder eingewechselt wird, dann gibt er ihn uns, damit dieser Spieler Spielpraxis erhält.


Sind die Spielsysteme aufeinander abgestimmt?


Rüdiger Böhm: Klar. Wir spielen beide mit einer Viererkette. Und so wie Murat es von seinem Gegner abhängig macht, mache ich es davon abhängig, welche Spielertypen ich zur Verfügung habe. Es geht auch nicht darum, einen Spieler starr auf einer Position auszubilden, sondern Murat muss in der Lage sein, mit dem Spielerkader, welcher ihm zur Verfügung steht, auf die Gegner und Situationen zu reagieren und entsprechend das Spielsystem anpassen zu können. Meine Aufgabe muss es daher sein, die Spieler so flexibel auszubilden, dass sie in der Lage sind, sowohl das eine als auch das andere System spielen zu können.


Jetzt steigt die Mannschaft in die 1. Liga auf. Für Sie aber auch für die Mannschaft ist es Neuland. Wie informieren und orientieren Sie sich betreffend der Gegner?


Rüdiger Böhm: Ich habe im Rahmen der Vorbereitungen bereits einige Mannschaften der 1. Liga gesehen. Wenn die Runde losgeht, werde ich mir auch andere Spiele anschauen. Ich möchte möglichst rasch einen Überblick über die eigene Gruppe bekommen. Einerseits möchte ich schauen, wo es noch Talente gibt die Potential haben, andererseits auch um zu sehen, was die Gegner bieten. Ich habe mit Fritz Binggeli neben Gerhard Krebs einen sehr erfahrenen Co-Trainer, weil er seit 30, 40 Jahren dabei ist und verschiedene Mannschaften trainiert hat, und die erste Liga und die Vereine und ihre Spielweisen kennt. Er steht mir mit Rat und Tat zur Seite.


Und die bisherigen Erkenntnisse?


Rüdiger Böhm: Für mich ist die Erkenntnis aus den Spielen, die ich bisher gesehen habe, dass es in jeder Mannschaft in den zentralen Positionen zwei bis drei überdurchschnittlich gute Spieler gibt. Wenn man dagegen die individuelle Klasse der Mannschaft zusammenzählt, dann sind wir mit Sicherheit besser. Aber diese zwei, drei Positionen sind meistens entscheidend. Es wird deshalb nicht so sein, dass wir wie bisher reihenweise das Spiel dominieren werden. Meine Jungs meinen, sie könnten gleich spielen wie bisher in der 2. Liga Inter, wo die Gegner hinten standen und wir mit zehn Mann angegriffen haben. Ich habe ihnen schon erklärt, dass das nicht mehr so gehen wird. Die Spieler werden lernen müssen, zielorientiert zu verteidigen und die wenigen Chancen zu nutzen, die es geben wird. Das ist auch wichtig für die Entwicklung der Spieler. Man gewöhnt sich gegen schwächere Gegner ein körperloses Spiel an, das auf dem Topniveau nicht gefragt ist. Sie müssen auch lernen, mit Niederlagen fertig zu werden und wie es ist, wenn man zwei, drei Spiele nacheinander verliert, und der Druck von aussen zunimmt. Mit solchen Situationen hatten die meisten Spieler noch nie etwas zu tun. Das sind wichtige Erfahrungen, die sie sammeln müssen.


Gibt es neue Spieler im Team?


Rüdiger Böhm: Wir haben Kevin Bigler dazu bekommen. Der spielte hier bis zur U16, ging dann zu YB und kommt nun zurück. Gentjan Zuta kommt auch aus Bern. Patrick Röthlisberger kommt aus Interlaken. Dann haben wir noch zwei Franzosen, die das Potential nach oben haben.


Franzosen?


Rüdiger Böhm: Aus Lyon und Auxerre im Hinblick auf einen späteren Einsatz in der ersten Mannschaft bei uns. Werner Gerber hatte sie YB angeboten. Dort waren sie nicht gut genug. Dann kamen sie zu Murat und mir und haben einen guten Eindruck hinterlassen. Aber sie brauchen noch etwas Zeit. Aber aus ihnen kann etwas werden.


Und wie ist die Stimmung im Team nach dem Aufstieg und vor der neuen Saison?


Rüdiger Böhm: Die Spieler sehen es als Herausforderung und als Chance, sich zu präsentieren zu können.


Wieviele werden diese Chance tatsächlich bestehen?


Rüdiger Böhm: Das wird man sehen. Zwei, drei? Die anderen brauchen noch Zeit. Aber das ist normal.


Franzosen sind da. Hätten Sie auch Lust gehabt, Spieler aus Karlsruhe oder aus der Bundesliga mit nach Thun zu nehmen?


Rüdiger Böhm: Es gibt in Deutschland sicher den einen oder anderen Spieler, der das Potential hätte, in der Super League zu spielen. Aber diese Spieler haben alle einen Vertrag. Es ist etwas schwieriger als in der Schweiz: Wenn man in Deutschland als Verein einen guten Spieler nach der U15 nicht schon unter Vertrag hat, dann ist er weg. Dann holt ihn irgend ein anderer Verein. Deshalb haben wir beim KSC geschaut, dass wir die Besten eines Jahrgangs nach der U15 gleich unter Vertrag genommen haben. Wenn ein anderer Verein sie wirklich haben will, erhält man wenigsten noch etwas für die Ausbildungsarbeit. Aber ich wollte auch nicht gleich ein paar Spieler mitbringen. Das wäre unfair den Spielern hier gegenüber.


Es ging aber auch das Gerücht herum, dass Martin Schmidt Thuner Spieler nach Mainz mitnehmen würde.


Rüdiger Böhm: Dieses Gerücht höre ich zum ersten Mal. Dazu kann ich nichts sagen.


Besteht noch Kontakt zu Martin Schmidt? Bestehen noch Fragen, die geklärt werden müssen?


Rüdiger Böhm: Den Kontakt gibt es. Aber wir haben alles geklärt, als er noch hier war. Wir hatten auch regen E-Mail-Verkehr. Es gab noch Fragen die Spieler betreffend. Bei einigen wusste man nicht, ob sie bleiben oder gehen würden. Dazu sagte Martin, dass er solche Entscheidungen nicht mehr treffen möchte.


Wie wird in der neuen Saison gespielt: Eher offensiv? Eher defensiv?


Rüdiger Böhm: Grundsätzlich versuchen wir Fussball zu spielen. Wir werden uns nicht hinten reinstellen und den Ball nach vorne schlagen. Wir versuchen, strukturierten, attraktiven Fussball zu spielen. Aber das ganze zielorientiert. Das Ziel muss sein, dass ich gewinne. Und ich gewinne, wenn ich ein Tor mehr schiesse als der Gegner. Zum Erfolg sagt Murat Yakin auch immer wieder: Vorne gewinnst du ein Spiel. Hinten gewinnst du eine Meisterschaft. Unser Ziel ist es nicht, eine Meisterschaft zu gewinnen. Aber unsere Spieler sollen soviel Struktur erhalten, dass sie in de Lage sind, ein Spiel zu kontrollieren. Sie sollen das Tempo bestimmen: Wann spielen wir nach vorne? Wann locken wir den Gegner heraus? Das kann ich nur, wenn ich den Ball habe. Wenn ich den Ball nicht habe, muss ich versuchen, ihn so früh als möglich zu erobern. Es wird aber Plätze und Gegner geben, die kann man nicht pressen. Wenn wir aber die Möglichkeit haben, wollen wir das Spiel gestalten und machen. Die fussballerischen Qualitäten haben wir. Ob wir in jeder Situation genügend abgeklärt sind, mag ich im Moment noch bezweifeln. Wir haben im Testspiel in Buochs gesehen, wie schnell es passiert, in der Spieleröffnung den Ball zu verlieren. Da haben wir in der ersten Halbzeit das Spiel gemacht, aber vergessen, ein zweites Tor zu machen. Irgendwann haben wir dreimal in der Spieleröffnung den Ball verloren und sind drei Mal ausgekontert worden und haben das Spiel verloren.

Alle sprechen vom schönen Fussball von Spanien. Die Spanier sind aber nur so erfolgreich, weil sie extrem gut gegen den Ball arbeiten. Wenn sie ihn erobert haben, verlieren sie ihn nicht gleich wieder nach dem ersten Pass. Sie bringen Ruhe ins Spiel und lassen den Gegner laufen. Und wenn der Gegner nicht mehr laufen kann, spielen sie den tödlichen Pass. Aber schöner, attraktiver Fussball und Zielorientierung müssen sich die Waage halten. Es nützt nichts, wenn ich tollen Fussball spiele, aber in der Defensive schlecht stehe.


Welche Ziele haben Sie für diese Saison gesetzt?


Rüdiger Böhm: Hauptziel ist es, möglichst viele Spieler an die erste Mannschaft heran zu führen. Grundsätzlich glaube ich, dass wir einen einstelligen Tabellenplatz erreichen können. Das hängt aber auch immer davon ab, wie viele Verletzte es in der ersten Mannschaft gibt und wie viele der Spieler, die zwischen der U21 und der ersten Mannschaft stehen, bei mir spielen können. Ohne die Spieler, die oben spielen, wir es schwer. Da fehlt die Qualität.


Es gibt den Vorwurf der kleineren Mannschaften, dass die Mannschaften der grossen Clubs mit ihren Personalrochaden die Meisterschaft verfälschen. Gab es in Deutschland auch solche Vorwürfe?


Rüdiger Böhm: Nein, das gab es in Deutschland nicht. Der Vorwurf an die Lizenz- und U23-Vereine ist eher der, dass sie keine Zuschauer und damit auch kein Geld mitbringen. Aber wenn man sich in der 3. Liga einmal ein Spiel zweier U21-Mannschaften anschaut, dann ist das um Welten attraktiver als irgendein anderes Spiel.

Hier in der Schweiz habe ich das Gefühl, dass die Vereine eher miteinander als gegeneinander arbeiten, wenn es um die Förderung junger Spieler geht. Hier ist das alles einfacher. Man darf zum Beispiel drei-, viermal pro Saison den Verein wechseln. Das gibt es in Deutschland nicht. Da hat man einmal im Sommer die Chance dafür. In Deutschland gibt es diese Zusammenarbeit nicht in dieser Art. Beim KSC wurden 80 Prozent der Spieler irgendwann einmal beim KSC ausgebildet. In einem Leistungszentrum eines Bundesligavereins werden jedes Jahr 20 Spieler ausgebildet, von denen es im optimalen Fall fünf schaffen, in die U23 zu kommen. Von denen wiederum werde wiederum einer oder zwei Profi. Die anderen 15 Spieler pro Jahrgang sind über mehrere Jahre gut ausgebildet, gehen zurück in die Region und spielen Oberliga, Verbandsliga, Landesliga.


Auf wen wird man in dieser Saison in der U21 achten müssen?


Rüdiger Böhm: Wir haben zwei sehr gute Torhüter, die das Potential haben, den nächsten Schritt zu machen. Kevin Bigler ist am nächsten dran. Er spielt als rechter Aussenverteidiger oder im Zentrum als defensiver Mittelfeldspieler. Bei Agron Mustafi muss man sehen, wie er seine neue Position als rechter oder linker Aussenverteidiger annimmt. Er hat das in den Vorbereitungsspielen sehr gut gemacht. Vom Körper und Spielen kann er das. Er muss noch seinen Kopf klar bekommen. Die anderen müssen noch ihre Rolle neu finden. Bisher konnte man in der 2. Liga Inter dem Gegner einen Knoten in die Beine spielen. Wenn man das jetzt in der 1. Liga machen will, dann haut er einen weg. Meine Spieler müssen lernen, dass Fussball manchmal auch weh tun kann, und dass Fussball mehr ist, als den Ball zu streicheln. Ein typisches Beispiel heute morgen: Technikübung. Das können sie alle. Überragend. Dann machen wir Passformen zum Torabschluss. Es ging darum, Flugbälle zu spielen. Katastrophe! Schwache Gegner kann man auf zwei Quadratmeter ausspielen. Wenn man aber gegen einen gut organisierten Verbund spielt, wird man mit kurz-kurz-kurz nicht zum Erfolg kommen. Dann wird man lernen müssen, irgendwann den Ball auch einmal auf die andere Seite zu spielen. Nur: Das mussten sie bisher nie. Entsprechend können sie das nicht. Deshalb gibt es da noch einiges zu entwickeln.


Was bringen Sie neu nach Thun ins Training?


Rüdiger Böhm: Das kann ich nicht sagen. Ich habe nicht so viele Trainings vorher gesehen. Jeder Trainer hat einen Fundus an Übungen, mit denen er am besten vermitteln kann, was er vermitteln will. Ich versuche, sehr viele Spielformen zu üben, möglichst viele Dinge spielnah zu vermitteln. Wir haben grundsätzlich die Einteilung, dass wir am Vormittag die Techniktrainings machen, weil da nicht immer alle können. In den Nachmittagstrainings wird gruppen- und mannschaftstaktisch gearbeitet. Auch die konditionellen Aspekte versuche ich in Spielformen zu vermitteln, weil ich gemerkt habe, dass Kompetenzen, die sich ein Spieler im Spiel holt, nicht ersetzt werden können. Es gibt Spieler, die sind in allen einzelnen Trainingsabschnitten überragend. Aber im Spiel sieht man sie dann nicht, weil sie die Verknüpfung dieser einzelnen Teile nicht schaffen. Umgekehrt habe ich Spieler gesehen, die im Training keinen geraden Pass auf drei Hütchen geben können. Im Spiel machen sie aber alles richtig. Und in letzter Konsequenz ist das Ziel ja das Spiel. Ich bilde keine Spieler aus, damit jemand einen Pass-Wettbewerb gewinnt, sondern dass einer im Spiel die richtigen Entscheidungen trifft und damit beiträgt, einen Erfolg zu haben. Das sind auch diejenigen, die weiter kommen. Ich versuche auch, das Tempo des Trainings so anzupassen, dass es jenem des Spiels möglichst gerecht wird. Ich habe nichts davon, wenn ich Ballannahme und –abgabe ohne Druck trainiere.


Und welche Gebiete müssen bis zum Saisonbeginn noch weiter entwickelt werden?


Rüdiger Böhm: Wir müssen defensivtaktisch noch arbeiten, lernen in der Formation aggressiver zu verteidigen, nicht in der Rückwärtsbewegung, sondern in der Vorwärtsbewegung. Die Jungs können schön verschieben, aber keinen Druck auf den Ball aufbauen. Da standen einmal vier Mann um den ballführenden Spieler. Ich habe ihn gefragt: Fühlst du dich von den anderen Spielern bedroht? Er sagte: Nein. Warum? Ich sagte: Da stehen gerade vier Mann um dich herum. Er: Ja, aber die stehen alle weg. Da guckten sie sich an: Wir stehen doch da. Ich: Ja, aber ihr seid zwei Meter weit weg. Es ist nicht einmal einer da, der ihn packen könnte. Wie wollt ihr einen Zweikampf gewinnen und ihn unter Druck setzen. Sie lassen es damit zu, dass der Gegner sich herauslösen kann. Und dann entsteht Torgefahr. Sie spielen zu wenig mit dem Körper Fussball. Sie versuchen, alle Zweikämpfe mit den Füssen zu gewinnen. Aber Fussball wird auf dem Topniveau zu 90 Prozent nicht mit den Füssen gewonnen, sondern mit der Hüfte oder Schulter. Meine Spieler laufen noch eher vom Tor weg, weil sie vom Verteidiger weg wollen, statt den Kontakt mit ihm zu suchen und sich vor den Verteidiger zu schieben, der dann gezwungen ist, zu handeln. Aber nochmals: so musste man in der 2. Liga Inter nicht spielen.


Noch die Kardinalsfrage: Kunst- oder Naturrasen?


Rüdiger Böhm: Irgendwann wird es in den Ländern nördlich der Alpen auf Kunstrasen hinaus laufen. Die Unterhaltskosten für Naturrasen sind immens. Und zwei Drittel des Jahres kann man nicht darauf trainieren. Die Qualität der neuen Kunstrasenplätze ist wirklich gut. Unserer ist in sehr gutem Zustand.


Das ist eine pragmatische Antwort. Aber wenn es um die Leidenschaft geht?


Rüdiger Böhm: Kämpfen kann man besser auf dem Rasen, Fussball spielen besser auf dem Kunstrasen. Im Optimalfall spielt man auf einem englischen Rasen. Aber den gibt es nur zweimal im Jahr...


Zu Ihrer Behinderung. Man kann sich die Situation vorstellen: Als Sportstudent verliert man beide Beine. Da bricht eine Welt zusammen. Wie ist es Ihnen gelungen, mit dieser Situation umzugehen und Ihrem Leben eine neue Perspektive zu geben?


Rüdiger Böhm: Ich habe mir damals nicht so viele Gedanken darüber gemacht. Als ich im Krankenhaus realisierte, dass ich überhaupt noch am Leben bin, war ich zuerst froh darüber. Ich war zuerst damit beschäftigt, einigermassen fit zu werden. Meine Familie hat mir damals sehr geholfen. Geholfen hat mir auch ein sehr guter Freund, der mit mir Sport studiert hat. Schliesslich hatte ich eine Physiotherapeutin im Krankenhaus, die mit dem Bauen von Prothesen, Laufen mit Prothesen vertraut war. Sie hat mir von Anfang an gesagt, dass ich wieder werde laufen können. Man könne mir Prothesen bauen. Wie gut ich damit umgehen würde, läge aber an mir. Das war für mich positiv. Da wusste ich, dass ich nicht in den Rollstuhl musste. Schliesslich hat mir meine Sozialisierung über den Sport geholfen. Da habe ich gelernt, dass nicht immer alles so funktioniert, wie man will. Und ich habe mir gesagt, dass die Leute in meinem Umfeld alles für mich tun, damit es mir gut geht. Wenn ich mich hängen lasse, dann enttäusche ich diese Menschen. Das kann ich denen nicht antun. Es sind dann zuerst Kleinigkeiten, die funktionieren und am Schluss geht es. Es ist wie beim Skifahren: Am Anfang fällst du auf die Schnauze. Und irgendwann kannst du es.


Aber als Sportstudent hatten Sie möglicherweise andere Pläne als jetzt.


Rüdiger Böhm: Ich wollte eigentlich schon immer im Sport arbeiten: Training, Marketing, Trainingstherapie, Bewegungslehre, Rehabilitation, Präventionsgymnastik. Ich habe als Rückenlehrer und in der Fitnessgymnastik für Übergewichtige gearbeitet. Ich war auch als Skilehrer unterwegs. Nach dem Unfall habe ich mir in der ersten Zeit darüber gar keine Gedanken gemacht. Mein Fokus war: Laufen lernen! Denn am Anfang muss man jeden Schritt denken. Man erhält keine sensorische Rückmeldung vom Fuss. Man ist derart damit beschäftigt, dass man sich über eine berufliche Perspektive erstmals gar keine Gedanken macht. Dann war ich irgendwann so hergestellt, dass ich wieder an die Universität gehen und mein Nebenfach abschliessen konnte. Dann kam eine Fügung nach der anderen; Zuerst konnte ich beim DFB die A-Lizenz machen. Da habe ich den Jugendkoordinator des KSC kennen gelernt. Der hat mich zwei Wochen später angerufen, und mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, beim KSC zu arbeiten. Klar! Ich habe sofort zugesagt. Wenn man einmal in einem solchen Verein drin ist und nicht alles falsch macht, dann kann sich das nur positiv entwickeln.


Im normalen Verständnis ist ein Behinderter Trainer einer Behindertenmannschaft. Die Behinderung war nie ein Thema?


Rüdiger Böhm: Beim KSC war es anfangs schon ein Thema, weil ich ja nicht als Trainer angestellt worden war, sondern als Jugendsekretär. Das war eine organisatorische Arbeit. Aber irgendwann war ein Trainer nicht da. Da bin ich raus auf den Platz. Ich habe mich immer dagegen gewehrt, bei den E-Jugendlichen Trainings zu geben, weil man da etwas vormachen können muss. Das kann ich aber nicht mehr. Irgendwann ging es mit meiner Karriere schneller, als alle gedacht hatten: Jener, der mich geholt hatte, hat sich mit dem Cheftrainer überworfen und wurde gemeinsam mit dem A-Jugendtrainer entlassen. Dann haben mein Kollege und ich die A- und die B-Jugend übernommen. Damit war ich drin. Dann haben die Leute gemerkt: Die spielen ja erfolgreich Fussball. Also muss irgendetwas funktionieren, obwohl ich selber nicht mehr spielen kann. Dann gab es im Präsidium nochmals eine Diskussion, als ich endgültig eine Mannschaft trainieren sollte. Mit dieser Mannschaft wurde ich süddeutscher Meister. Damit hatte keiner gerechnet. Wir sind badischer Hallenmeister geworden. Wird sind badischer Meister geworden, haben die Qualifikation gegen den Vfb Stuttgart mit Thomas Tuchel (heute Trainer von Mainz) gewonnen und sind zur süddeutschen Meisterschaft gefahren und haben im Halbfinale Greuther Fürth und im Finale den SC Freiburg geschlagen. Von dem Moment an war die Behinderung nie wieder ein Thema.


Wie hat der FC Thun darauf reagiert?


Rüdiger Böhm: Für die Spieler war es nicht neu. Sie kannten mich teilweise aus dem Trainingslager vom letzten Jahr. Sie haben auch meine Art kennen gelernt, wie ich mit meinen Spielern umgehe. Alle waren davon sehr angetan. Natürlich waren sie sehr traurig, als sie erfahren haben, dass Martin Schmidt gehen würde. Aber alle meinten, das sei cool, als sie hörten, dass ich kommen würde. Deshalb war meine Behinderung nie ein Thema. Ich habe ihnen in der ersten Trainingseinheit gesagt, dass ich zwei Prothesen habe und was ich kann und nicht kann. Ich gehe offen damit um. Ich kann auch über mich selbst lachen. Das muss man können, ob man Beine hat oder keine mehr. Für mich war auch ein entscheidender Grund, hierher zu kommen, weil meine Behinderung für die Leitung des FC Thun nie ein Thema war. Sie hatten meine Arbeit und mein Konzept beobachtet. Sie waren davon überzeugt.


Und was können die Spieler von Ihrer Geschichte lernen?


Rüdiger Böhm: Dass nicht immer alles so funktioniert, wie man es sich vorgestellt hat. Und dass man sehr viel erreichen kann, wenn man im Kopf alles dafür tut. Das ist harte Arbeit. Man muss sich immer wieder damit auseinander setzen und sich damit konfrontieren. Man muss sich an den Schwierigkeiten reiben, um sich zu entwickeln. Ich bin beispielsweise ein Freund der offenen Worte. Ich sage meinen Spielern auch, dass ich nie den Menschen kritisiere, sondern immer die Rolle, in der sie sind. Aber in dieser Rolle als Spieler der U21 des FC Thun müssen sie das tun, was ich von ihnen erwarte. Und wenn sie das nicht machen, sage ich es ihnen auch. Es ist für die Jungs nicht immer ganz einfach, mit offener Kritik umgehen zu müssen. Aber so kann man sich entwickeln.


Schaukeln die Medien das Thema Ihrer Behinderung auch hoch?


Rüdiger Böhm: Ich bin es gewohnt. Ich bin schon in Deutschland durch die Medien gezogen worden. Ich gehe mit meiner Behinderung offen um, bin aber kein Vorzeige-Behinderter. Mir geht es darum, dass ich mich beruflich und sportlich weiter entwickle. Ich will nicht bemitleidet werden für das, was ich nicht mehr kann, sondern beurteilt werden für das, was ich leiste. Das ist entscheidend.
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Re: Interview mit Rüdiger Böhm / Trainer U21

Beitragvon Bluesdog » 31.07.2010, 12:25

und wieder ein tolles Interview! Danke.
Toller Kerl wie ich finde und auch schon nach dem Sportaktuell-Beitrag bemerkt habe. Irgendwie hab ich schon das Gefühl, Thun ist auf einem super Weg.
Weiter so, macht Spass
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